Warum eigentlich immer ich?

von
Ella Nowak

Mein Handy plingt.
Verschlafen und mit dröhnendem Kopf angle ich es mir vom Boden und checke das Display.
„Was los?“, fragt es neben mir.
„Alarmanlage wurde soeben ausgelöst!“, antworte ich.

Es ist Viertel vor sechs. Und Juni. Und bereits taghell.
Die Wahrscheinlichkeit, dass im Erdgeschoss ein Einbrecher sein Unwesen treibt, geht also gegen Null. Da der Wecker ohnehin in zehn Minuten klingeln wird, steht mein Mann auf.
„Kaffee?“
Ich nicke und öffne die App unserer Überwachungskamera. Möchte wenigstens zusehen, wenn mein Mann zwei Stockwerke tiefer doch auf einen Einbrecher trifft.

Auf dem Display erscheint unser Flur. Leer. Zwei Füße kommen die Treppe herunter. Die kenne ich. Die gehören dem Kaffeeholer. Kurz bevor er die Küche erreicht, öffnet sich die Tür des Gäste-Bads. Auftritt unserer Tochter, die „o, sorry“ den Alarm ausgelöst hat.
Sie ist bereits komplett angezogen und tiptop frisiert. Morgens. Kurz vor sechs.
Die Schule ist zwei Minuten Fußweg entfernt, der Unterricht beginnt um acht. Teenager sind extrem eigenartige Wesen.

Ich schließe die App und lasse mich stöhnend zurück auf das Kissen fallen. Die Kopfschmerzen werden heute kaum verschwinden – es sind Temperaturen von 34°C vorhergesagt.

Einen Kaffee und eine Dusche später begegne ich unserer Tochter live. Ob ich weiß, wo ihr Kostüm ist. Für die Theaterprobe. Kostüm meint in diesem Fall meine weiße Bluse und meinen blauen Blazer. Hat sie letztens ausgewählt. Aus meinem Kleiderschrank. Sie spielt eine Politikerin und bei spießigen Klamotten bin ich ihr eingefallen.

Ich gebe ihr meine Kleidungsstücke und schlurfe kopfschüttelnd zurück ins Schlafzimmer, um meine Sachen zu holen. Auf dem Weg zur Treppe komme ich an unserer Abstellkammer vorbei.
„Der Ventilator!“, denke ich. „Den wollte ich doch bereits gestern mit nach unten nehmen.“

Ich öffne die Tür, räume ein verloren wirkendes Lichterschlauch-Rentier beiseite und ziehe aus der hintersten Ecke unseren großen Standventilator hervor. Mit ordentlich Schwung hebe ich ihn hoch und denke einmal mehr nicht an die Dachschräge und die Dachbalken.
Das wird mir eigentlich auch erst bewusst, als mein Kopf mit Schwung dagegen knallt. „Fuck!“, fluche ich laut.
Ja, ich kann morgens vor sieben schon fluchen. Seit wir Kinder haben, geht das.

Für sieben Uhr dreißig haben sich die Maler angekündigt. Unsere Vermieter würden gerne die alten Holzfensterrahmen streichen lassen. Im Keller, im Erdgeschoss und im 1. Stock. Während mein Mann damit beschäftigt ist, die Kinderwerkbank, zwei Schlitten und den Krökeltisch von den Kellerfenstern wegzuschieben, damit gemalert werden kann, schnappe ich mir im Eiltempo Herumliegendes aus Wohn- und Esszimmer. Parallel räume ich den Geschirrspüler aus, die Waschmaschine ein und unseren zwei Jungs ihr Frühstück hin. Da mir gerade die Zeit fehlt, alles ordentlich wegzuräumen, denke ich pragmatisch und flitze mehrmals mit dem ganzen Zeug hinauf in den 2. Stock. Hier soll nicht gemalert werden, folglich kann ich hier alles hinschmeißen. Wäre ja blöd, das nicht zu nutzen. Angefangen beim vollen Wäschekorb und einem Karton mit Kabeln, die ich längst durchsortieren wollte. Aufgehört bei einem Stapel mit Zeitschriften und zwei Taschen, für die ich aktuell keinen Platz im Schrank habe.

Als ich zum wiederholten Male am Kinderzimmer des Jüngsten im 1. Stock vorbeikomme, habe ich die Eingebung, zu lüften. Und so sehe ich, wie sich zwei weiß gekleidete Männer, mit Leiter und Farbeimern bepackt, auf unser Haus zubewegen.

Ich renne zurück in den Flur und fluche dabei lautstark, weil die Typen locker zehn Minuten zu früh dran sind. Zu früh mag ich nicht. Zu spät auch nicht. Ich bin immer pünktlich auf die Minute und erwarte das auch von allen Mitmenschen.
Mein Blick fällt, noch ehe ich die Treppe erreiche, ins Bad. Verdammt, dort liegen noch meine Unterwäsche und mein Nachthemd auf dem Boden. Schnell schnappe ich mir die Sachen und werfe sie mit ordentlich Schwung möglichst weit nach oben auf die Treppe zum 2. Stock. Geschafft – denke ich erleichtert, begrüße die Maler und verabschiede meinen Mann und die drei Kinder.

Zwei Stunden später begegne ich im Flur dem Jüngeren der beiden Maler. Sie würden das eine Dachfenster auch noch streichen wollen. Ich werde knallrot, denn mir fällt sofort ein, dass der 2. Stock gerade aussieht, als wäre dort eine Bombe explodiert. Fieberhaft überlege ich, wie ich möglichst kompetent mit der Situation umgehe, doch da sagt er bereits:
„Wir waren schon oben. Sie müssen sich nicht schämen. Was meinen Sie, bei wievielen älteren Herrschaften es genauso aussieht.“

Erkenntnis des Tages:
Ich trage spießige Klamotten und bei mir sieht es aus, als würde ich nicht mehr klarkommen. Wenn ich das alles so betrachte – fast sieht’s mir aus, als hätte ich mein Leben nicht im Griff!