May your days be merry and bright

von
Ella Nowak

Heute ist Weihnachten. 25. Dezember – nicht eine Schneeflocke.
Ich stehe in der Küche und bereite das Essen vor. Wie in jedem Jahr.
Denn während meine Familienseite beim Einladen zu Weihnachten rotiert, ist es für die Seite meines Mannes ungeschriebenes Gesetz, dass bei uns gefeiert wird. Schließlich sind wir die, mit den Kindern. Niemand kommt auf die Idee, dass wir auch einmal woanders feiern könnten. Und ich traue mich seit Jahren nicht, diesen Vorschlag in den Raum zu werfen. Ich bin wie all die anderen Frauen, die in jedem Jahr vor diesem Problem stehen. Und eigentlich wollte ich so nie enden…

Um zwölf Uhr sollen die Gäste kommen. Mir ist irgendwie übel. Vielleicht der Stress?
Um Viertel nach elf klingelt es an der Tür. Meine Schwiegereltern sind „etwas eher losgefahren“. An Weihnachten weiß man ja nie.
Da kann es passieren, dass die Straßen trotz der 11 Grad plus komplett gefrieren und man auf einem Fahrtweg von 20 Minuten in einen vierstündigen Stau gerät. Also lieber auf Nummer sicher gehen.

Ich lehne noch an der Arbeitsplatte und überlege, mich hinzusetzen, weil die Übelkeit nicht nachlässt, da betritt meine Schwiegermutter die Küche und schließt die Tür.
„Ich halte das nicht mehr aus!“, sagt sie.
„Frohe Weihnachten!“, erwidere ich, doch sie bemerkt es nicht einmal.
„Die ganze Strecke fährt er in einem Wahnsinnstempo und er schimpft ständig auf die anderen Autofahrer, die alle zu blöd sind.“
Ich nicke langsam. Ob ich vielleicht was Falsches gegessen habe?
„Und in der Marienstraße – da fuhr gerade dieser Doppeldecker-Touristenbus. Aber der war ihm zu langsam. Deshalb ist er parallel gezogen, hat gehupt und dem Fahrer einen Vogel gezeigt. Ich halte das nicht mehr lange aus. Ich lasse mich scheiden!“

Ich öffne den Mund, um zu antworten, schließe ihn aber direkt wieder, denn die Küchentür fliegt auf.
„Tachchen!“, schmettert mir mein Schwiegervater entgegen. „Würd dir ja Frohe Weihnachten wünschen, aber mir geht schon wieder alles auf den Keks!“
„Frag mich mal!“, denke ich, will aber verzweifelt den letzten Rest meiner Weihnachtsstimmung erhalten. Wegen der Kinder. Und wegen mir.

Gegen zwölf kommt die restliche Familie. Mein Schwager mit seiner Frau und mein Onkel mit seiner Lebensgefährtin. Mein Bruder und seine Frau haben abgesagt. Heute ist Geburtstermin – da fährt man besser nirgendwo mehr hin.

Wir starten mit dem Essen. Mein Schwiegervater wettert. Über die Pharmaindustrie, die sein Histamin-Körperpuder nicht mehr produziert. Ich blicke flehentlich meine Tochter an, die mich sofort versteht.
„Kann ich mal das Filet haben, Opa?“, unterbricht sie seinen Redeschwall.
Unwirsch reicht er ihr die Platte, hält aber unbeirrt an seiner Route fest. Es folgen Schimpftiraden über die Deutsche Bahn, das Weihnachtswetter und die Weltwirtschaft. Ich kann nicht mehr folgen, denn mir ist verdammt übel.

Aber er ist voll dabei und reißt in atemberaubenden Tempo noch die Themen Flüchtlingspolitik und Sicherheit ab. Er schafft es, in nicht einmal einer Stunde jegliches Gefühl von Weihnachten und Heimeligkeit zu zerstören. Gerade als ich denke, es könnte nicht mehr schlimmer kommen, wendet er sich Polen zu. Mir entgleisen die Gesichtszüge, denn ich kann förmlich sehen, wie wir uns einer Totalkatastrophe nähern, denn Anna, die Lebensgefährtin meines Onkels, stammt aus Polen. Darauf weise ich nun dezent hin. Es soll ja Menschen mit Feingefühl geben. Mein Schwiegervater gehört eindeutig nicht zu dieser Sorte. Stattdessen wendet er sich nun direkt an Anna.
„Siehst du doch genauso, oder? Wirst ja wissen, warum du hier lebst!“
Mein Onkel wirft sich dazwischen und deeskaliert so viel man überhaupt nur deeskalieren kann. Zudem wechselt er gekonnt das Thema. Ich bin total fertig. Nach dem Abräumen folge ich den anderen ins Wohnzimmer.
Ich setze mich und versuche, mich ausschließlich auf den Tannenbaum zu konzentieren.
Und auf’s Atmen.

Meine Kinder haben funkelnde Augen vor Vorfreude. Gerade, als ich zuschauen will, wie sie die Geschenke öffnen, setzt sich meine Schwiegermutter zu mir.
„Wie der sich beim Essen aufgeführt hat! Unmöglich! Ich halte den nicht mehr aus. Ich weiß nicht, was ich mit ihm machen soll. Den ganzen Tag…“
Den Rest höre ich nicht mehr, denn ich sprinte die Treppe hoch ins Bad. Ich muss mich übergeben. Danach öffne ich das Fenster und hole tief Luft.
Ich sehe in den Spiegel. Ich bin kalkweiß.
„Wird schon irgendwie!“, denke ich.

Wieder unten, versuche ich erneut, mich auf meine Kinder zu konzentrieren und dieser bizarren Situation etwas Schönes zu entlocken. Anna nimmt neben mir Platz und zieht ihr Smartphone aus der Tasche. Sie zeigt mir ein Bild von ihrem Enkelkind. Ihr Sohn und die Mutter des Kindes haben sich getrennt. Sie wird das Kind vermutlich niemals sehen. Ihr laufen ein paar Tränen über das Gesicht. Und es tut mir leid.
Es tut mir leid, dass es ihr so weh tut und es tut mir leid, dass ich scheinbar unbeeindruckt davon schon wieder aus dem Raum flitze. Doch mittlerweile kann ich mich vor Übelkeit kaum noch auf den Beinen halten. Meine Stirn ist heiß und alles schwankt. 
Doch scheinbar ticke ich wie ganze Generationen von Hausfrauen und Müttern vor mir.
Ich versuche, mich zusammenzureißen und schleppe mich erneut nach unten.

„Müssen die Gene meiner Großmutter Lisbeth sein!“, denke ich. „Die hat auch immer alles durchgezogen.“
In der Küche fülle ich mir ein Glas mit Wasser und höre, wie sich hinter mir die Küchentür schließt.
Als ich mich umdrehe, steht dort meine Schwägerin.
„Ich lasse mich scheiden!“, sagt sie. „Und du erfährst es als Erste!“
Vermutlich hat sie eine andere Reaktion erwartet als die, die nun folgt, aber mein Körper steht kurz vor einem Totalzusammenbruch und ich muss mich erneut dringend übergeben.
Ich rase an ihr vorbei, reiße die Tür zum Flur auf und höre, während ich die Treppe hochrenne,
wie sie vorwurfsvoll zu meinem Mann sagt „Aber ich wollte doch nur mit ihr reden!“.

Mir ist jetzt alles egal. Ich will Ruhe. Und Weihnachtlichkeit. Und einen Eimer.

Zehn Minuten später liege ich im Bett. Neben mir der türkisfarbene Eimer. Mein Mann bringt mir eine Wärmflasche und einen Tee.
Von unten dringt Gemurmel herauf – aber nur ganz leise.
Hier oben ist es fast still und besinnlich.
Jetzt mal abgesehen von der Übelkeit.
Vielleicht sollte ich in Zukunft hier oben feiern, da wäre ich dem Weihnachtsgedanken deutlich näher.