Finn hat ein Problem

von

Ella Nowak

Eichhörnchen Finn

Im Garten, hinter dem alten Haus, segeln seit Tagen gelbe und rote Blätter herab. Der Boden ist komplett mit einer dicken Laubschicht bedeckt. Bereits seit Stunden schiebt Ole, der kleine Igel, mit seiner Nase und seinen Vorderpfoten das trockene Laub in die hintere Ecke des Gartens. Hier baut er sich sein Quartier zum Überwintern.

Gerade, als er wieder einen kleinen Laubhaufen zusammengeschoben hat, huscht etwas Puscheliges, Braunes durch den Garten und verschwindet mit einem Satz in der Hecke. Ole schaut kurz auf und schüttelt den Kopf.
»Das gibt‘s doch nicht!«, schimpft es aus der Hecke. »Das gibt. Es. Nicht!«
»Was gibt es nicht, Finn?«, fragt Ole.

Ein kleines Eichhörnchen steckt den Kopf aus der Hecke.
»Ich finde die Walnüsse nicht, die ich letzten Dienstag verbuddelt habe! Die vom Walnussbaum von Frau Finke. Ich kann mir einfach nie merken, wo ich was vergraben habe.«
»Mm.«, brummt Ole. »Du machst ja auch seit Wochen nichts anderes, als Nüsse sammeln und verstecken. Falls es Dich tröstet, ich könnte mir das auch nicht alles merken!«

Finn kratzt sich am Kopf, klettert aus der Hecke und verschränkt die Arme.
»Eigentlich war ich mir ganz sicher, dass sie dort vorne neben dem Kastanienbaum liegen. Also habe ich dort gegraben. Gefunden habe ich aber nur die hier.« Finn hält eine silberne Trillerpfeife hoch und bläst kräftig hinein.
Ole hält sich erschrocken mit den Pfoten die Ohren zu.
Bist du wahnsinnig?«, ruft er. »Das ist viel zu laut!«
Finn nickt.
»Weiß ich.«, sagt er. »Und außerdem ist eine Trillerpfeife keine Walnuss. Man kann sie nicht essen.«
»Und jetzt?«, fragt Ole.
»Jetzt dachte ich, vielleicht wären die Nüsse in der Hecke versteckt, aber hier sind sie auch nicht.«
Ole überlegt.
»Du brauchst einen Plan!«, erklärt er dann. »Aber leider habe ich gerade auch keine gute Idee, wie Du Dir all die Verstecke merken kannst.«

In diesem Augenblick bemerken die beiden Freunde einen Windstoß und eine große dunkelgraue Krähe landet direkt neben ihnen.
»Elsa, Du kommst wie gerufen!«, sagt Ole.
»Warum?«, fragt Elsa.
»Na, weil ich ein Problem habe!«, antwortet Finn verzweifelt. »Ich kann mir einfach nie merken, wo ich meine Nussvorräte verbuddelt habe. Ich suche nun schon seit Stunden nach der Ladung Walnüsse aus dem Garten von Frau Finke. Ich finde sie aber nicht. Nur anderes komisches Zeug, das ich nicht gebrauchen kann.«

Elsa wiegt ihren Krähenkopf hin und her.
»Mal überlegen!« sagt sie.
»Wieso musst Du denn beim Überlegen so mit dem Kopf wackeln?«, fragt Ole.
»Dann kann ich besser denken!«, erklärt Elsa. »Finn, Du brauchst auf jeden Fall einen Plan!«
Finn zuckt mit den Schultern und seufzt.
»Das weiß ich auch. Aber ich habe einfach keine Idee. Wenn ich Dir zwei Pfoten voller Haselnüsse schenke, hilfst Du mir dann, einen Plan auszudenken?«
Elsa schüttelt ihren Kopf.
»Das ist lieb. Aber ich brauche keine Haselnüsse, Finn. Ich helfe Dir auch so!«

Ole stupst Finn an.
»Du hast doch noch das silberne Ding von vorhin!«, flüstert er. „Das könntest Du ihr vielleicht schenken!“
Finn schlägt sich mit der Pfote gegen die Stirn.
»Na klar, die Trillerpfeife! Die hatte ich auch schon wieder vergessen.« Strahlend hält er Elsa die kleine silberne Pfeife an der Schnur hin, sodass sie vor ihrem Gesicht hin und her baumelt.

»Was hältst Du hiervon?«, fragt er.
Elsa nickt verträumt.
»Oooooh!«, raunt sie andächtig und sieht dabei die Trillerpfeife an. »Die ist aber schön! Und wie die glänzt!«
»Das finde ich auch!«, sagt Finn. »Und wenn Du mal jemanden verjagen willst, dann kannst Du einfach hier hereinpusten!«
»Nicht schon wieder!«, ruft Ole und hält sich die Ohren zu. Und gerade, als Elsa fragen will, wieso sich Ole die Ohren zuhält, ertönt ein heller, schriller Pfiff. Elsa zuckt erschrocken zusammen. Finn strahlt sie an.
»Ist das nicht super?«, fragt er.

Elsa sieht noch immer erschrocken aus.
»Ich weiß nicht.«, sagt sie. »Ich denke, ich hänge sie mir eher über mein Nest, denn sie glänzt und glitzert so schön in der Sonne. Das ist hübsch.«
Doch dann sieht sie Finns enttäuschtes Gesicht.
»Aber wenn mal ein ungebetener Gast in meine Nähe kommt, dann kann ich ihn damit auf jeden Fall verjagen!«
Finn strahlt.
»Das klingt gut!«, sagt er. »Also hilfst Du mir?«
Elsa nickt.
»Klar helfe ich Dir. Und ich weiß auch schon, wie!«
»So schnell?«, fragt Finn.
»Ja!«, antwortet Elsa. »Eigentlich ist es ganz leicht! Alles, was Du brauchst, ist ein Versteck- und Suchsystem. Ab sofort versteckst Du einfach alle Haselnüsse unter dem Haselstrauch und unter der Hecke. Merkst Du was? Es fängt alles mit dem Buchstaben »H« an.«

»Das ist eine gute Idee!«, brummelt Ole.
Finn überlegt.
»Aber wo verstecke ich denn dann die Eicheln? Ich sehe hier keine Pflanze, die mit einem »E« beginnt.«
Elsa schaut sich um.
»Das ist einfach. Die Eicheln versteckst Du unter der Eiche und dort drüben in dem leeren Beet!«
»Hä?«, macht Finn. »Aber Beet fängt nicht mit einem »E« an!«
»Das stimmt. Aber im Frühling und Sommer ist es immer das Erdbeerbeet!«, erklärt Ole. »Passt also!«

»Ganz genau.«, sagt Elsa. »Was sammelst Du denn noch, Finn?«
»Ääääh, Walnüsse natürlich!«, sagt Finn. »Warte, nichts sagen! Die Walnüsse verstecke ich unter dem Walnussbaum und unten an der Hauswand, wo der Wein hochrankt!«
»Genau so!«, ruft Elsa.
»Das ist ja ein super System!« Finn hüpft vor lauter Freude auf und ab. »So kann ich mir viel besser merken, wo ich gebuddelt habe. Außerdem weiß ich, wo welche Sorte liegt. Elsa, Du bist super!«

Elsa strahlt.
»Das hilft Dir zwar nicht, die bereits vergrabenen Vorräte wiederzufinden, aber alles, was Du von jetzt an verbuddelst, findest Du garantiert!«
Finn nickt eifrig. »Das ist eine tolle Lösung!«
»Gut, dass wir das Problem gelöst haben. Dann kann ich nun weiter Blätter zusammenschieben!«, brummt Ole.
»Ach, fast vergessen!«, ruft Finn und zieht erneut die silberne Trillerpfeife hervor.
»Nein!«, schreit Ole und nimmt schnell die Pfoten an die Ohren.
Finn grinst.
»Alles gut! Ich puste nicht hinein. Ich wollte sie nur Elsa geben!« Dankbar hält er Elsa die Trillerpfeife hin.
»Danke!“, sagt Elsa gerührt. „Dann macht mal weiter!« Vorsichtig nimmt sie die Schnur der Trillerpfeife in den Schnabel, breitet ihre Schwingen aus und fliegt davon.

Finn klatscht in die Pfoten.
»So Ole, weiter geht’s! Wir haben beide noch eine Menge zu tun, bevor der erste Schnee fällt!«
Mit einem Satz ist Finn auch schon durch die Hecke gehüpft, um im Nachbargarten nach weiteren Nüssen und Eicheln zu suchen.

Und Ole? Der schiebt weiter Blätter zusammen, damit er es gemütlich hat, bei seinem langen Winterschlaf.