Du das Bier, ich den Koffer

von
Ella Nowak

Es ist zehn vor sieben. Und Montag.
Ein Montag im September.
An unserer Haustür klingelt es. Das ist keine große Überraschung, denn es klingelt jeden Morgen um zehn vor sieben – seit nunmehr drei Wochen.
Ich lasse in unserer Küche einmal mehr Gurke, Brote, Buttermesser liegen und flitze durch den Flur. Auf dem Weg springe ich gekonnt über den Turnbeutel des Jüngsten und die Schuhe des Mittleren.
Vor der Haustür steht der Fliesenleger.

„Morgen.“, nuschelt er. „Bin dann da.“
„Offensichtlich!“, denke ich.

Eigentlich hat der Typ ja einen Schlüssel. Den haben wir ihm gegeben, damit er nicht permanent klingeln muss.
Er kann einfach morgens um zehn vor sieben die Kellertür aufschließen, in den Garten durchgehen und mit der Arbeit beginnen. Doch er zieht es vor, sich anzumelden. Also ringe ich mir ein Lächeln ab und versuche, ihm nicht das Gefühl zu geben, dass er mit diesem täglichen Ritual den morgendlichen Showdown einer 5-köpfigen Familie stört.

Eine halbe Stunde später verlassen Ehemann und zwei der Kinder das Haus – der Mittlere hat noch ein paar Minuten. Heute geht es auf Klassenfahrt. Verzweifelt steht er vor seinem Bett und überlegt, welches seiner 23 Kuscheltiere er mitnehmen wird. Ja, es sind wirklich 23. Unsere Regel lautet „Maximal 20 in jedem Kinderbett“, aber ich lasse mich immer wieder belatschern. Ist ja auch irgendwie süß, wenn er jede Nacht versucht, sechs Kuscheltiere gleichzeitig in den Arm zu nehmen und zusätzlich daran denkt, hier ein Rotationsprinzip anzuwenden, damit sich keines benachteiligt fühlt. Dennoch gibt es drei eindeutige Lieblinge. Ich entscheide kurzerhand, dass sie locker in den Koffer passen und er wirft sie überglücklich hinein.

Ehe ich ihn samt Koffer zur Schule bringe, will ich noch schnell die Waschmaschine anstellen. Als ich die Kellertür öffne, schlägt mir Zigarettenqualm entgegen. Auf unserem Wäschetrockner stehen zwei Bierdosen. Eine bereits geöffnet. Daneben lehnt der Fliesenleger mit seiner Fluppe. Ich weiß, dass das für manche Menschen morgens um kurz vor acht ein komplett normaler Zustand ist. Überhaupt nicht fragwürdig. Nur gehöre ich nicht zu dieser Gruppe.
Und vermutlich ist genau das mein Problem! Ich bin total spießig geworden. Das hatte ich eigentlich nie vor. Hat sich aber durch die Kinder automatisch so eingespielt.
Daher bitte ich ihn eindringlich, in unserem Haus nicht zu rauchen, was er natürlich versteht. Jeglichen Kommentar zu den Bierdosen verkneife ich mir. Komme mir so schon blöd vor, einen geschätzt Vierzigjährigen zu maßregeln. Außerdem wirke ich sonst noch spießiger.

Wieder oben schnappe ich mir Sohn und Koffer und schlage den Weg Richtung Schule ein. Unterwegs treffen wir Sandra und Jonas. Und deren Koffer. Sandra rollt genervt mit den Augen. Wie immer, wenn sich ihre Schwiegereltern bei ihnen einquartiert haben. Eigentlich fallen sie kaum auf, sagt Sandra, denn sie sind nahezu am Sofa festgetackert und bewegen sich kaum. Andererseits wäre ich auch genervt und irritiert, wenn meine Schwiegereltern geschlagene drei Tage unser Sofa besetzen würden.
Während wir die Koffer über den gepflasterten Gehweg ziehen, hüpfen unsere Jungs vor uns auf und ab. Fast scheint es, als würden sie sich freuen, endlich fortzukommen.

Vor der Schule steht Maren, Luisas Mutter. Ihre Augen glänzen – Tränen. Nicht etwa, weil ihre Tochter in ein paar Minuten in einen Bus steigen wird, sondern wegen ihrer Haare.
„Es ist mir so peinlich!“, murmelt sie.
„Was denn?“, frage ich, denn ich habe wirklich keinen Schimmer, wovon sie redet.
„Na, meine Haare!“, sagt sie und greift zur Bekräftigung hinein.
Als sie meinen fragenden Gesichtsausdruck sieht, fügt sie erklärend „Platinblond!“ hinzu.

Jetzt dämmerts mir. Ich merke, wie sich mein fragendes Gesicht erhellt. Ihre Haare sind tatsächlich ein paar Nuancen heller als sonst. Aber mir wäre es im Leben nicht aufgefallen, doch auch das kann sie nicht trösten, da ihre Familie scheinbar das komplette Wochenende damit verbracht hat, ständig in Gelächter auszubrechen.

Vor der Schule wird es nun langsam voll. Immerhin zwei Klassen, die gemeinsam fahren.
Ein großer Reisebus rollt um die Ecke und hält prominent mitten auf der Straße. Der kugelfischförmige Fahrer steigt aus und wischt sich mit einem Taschentuch über die Stirn. Er brüllt im Kommandoton, man möge nun die Koffer einladen. Ich nehme unseren quietschorangenen Koffer und stelle mich in die Schlange. Direkt vor mir stehen zwei Mütter aus der Parallelklasse. Der Busfahrer nimmt ihnen die Koffer ab und hievt sie in das Gepäckfach. Eine der beiden sieht mich an und ruft plötzlich hysterisch:
„O mein Gott, die Koffer müssen wieder raus. Sie müssen uns sofort unsere Koffer wiedergeben. Das ist der falsche Bus!“
Der Busfahrer sieht ernsthaft verwirrt aus.
„Hä? Was?“, macht er.
„Wir brauchen die Koffer wieder! Das ist der Bus von der anderen Klasse!“, wiederholt die Frau und zeigt auf mich.
„Hä?“, macht der Busfahrer wieder.
Obwohl mich die weitere Dialogentwicklung brennend interessiert hätte, beschließe ich, an dieser Stelle einzugreifen.
„Beide Klassen fahren in dieselbe Jugendherberge. Im selben Bus. Die Koffer können also im Gepäckfach bleiben.“

Ich stelle mich wieder zurück auf den Bürgersteig – bereit zum Winken. Der Busfahrer wischt sich noch zehnmal über sein Haupt und sieht immer wieder genervt auf seine Armbanduhr. Schließlich steigt er die Stufen in den Bus hinauf und scheucht die vier Kinder, die vorne sitzen, erst einmal aufgebracht nach ganz hinten. Vorne soll frei bleiben, hatte man ihm gesagt.
Ja, sollte. Für die vier Kinder, denen auf Fahrten immer speiübel wird. Übrigens exakt die vier Kinder, die er soeben nach hinten gescheucht hat. Im Inneren des Busses verteilen die Lehrerinnen daher noch einmal um, bis die vier Sensibelchen wieder vorne sitzen. Ich darf sie so nennen, denn unser Sohn gehört dazu. Wir planen seit Jahren komplette Urlaube ausschließlich im Wirkradius einer Tablette mit Dimenhydrinat.

Und dann ist es so weit. Der Bus rollt, die Kinder winken kurz, die Eltern, bis der Bus nicht mehr zu sehen ist. Ich trete den Heimweg an. Zurück an meinen Schreibtisch. Zurück zu Ruhe und Frieden. Als ich durch unser Gartentor biege, kommt mir so`n Typ entgegen.
„Ich mach dann mal Frühstückspause!“, schallt es mir entgegen. Den hatte ich glatt vergessen.
„Klar!“, antworte ich und krame nach meinem Schlüssel.
„Wenn ich wieder da bin, klingele ich kurz!“, ruft er.