von
Ella Nowak

Darf man eigentlich nachfragen, wenn man beim Telefonat einer anderen Person etwas nicht verstanden hat?

Beim Bahnfahren nimmt man unweigerlich am Leben anderer teil. So auch heute. Eine Frau, etwa um die dreißig, lange bonde Haare, rote Sandalen, geblümtes Kleid, ihr Handy am Ohr. Ich sitze ihr gegenüber, meine Tochter neben ihr.

„Nee, passt nicht mehr. Ich hab‘ das Kleid gestern angezogen und das geht kaum noch zu. Und jetzt mache ich Almased. Glaubst du, das reicht bis zur Hochzeit?“

Der Blick meiner Tochter trifft meinen. Ich kenne sie in- und auswendig, aber auch eine wildfremde Person könnte problemlos entziffern, was dieses Kind gerade denkt, denn ein Grinsen breitet sich quer über ihr Gesicht aus.

„Boah ey, ich ess morgens schon nur noch Knäcke. Ich hab‘ voll Panik, dass ich das nicht mehr weg kriege! Der Guido lästert schon immer!“

„Was?“

„Nee, ich heirate doch Thomas! Guido is aus’m Vertrieb!“

Die Schultern meiner Tochter zucken unaufhörlich.

„Nee, der mit der Brille!“

„Ach Mensch, du kennst doch Guido aus dem Vertrieb! So’n Größerer mit Brille!“

„Nee, kennste echt nicht? Ist ja auch egal. Der kommt auf jeden Fall zur Hochzeit. Der Herr Waltmann kommt aber nicht.“

Der Kopf meiner Tochter weist eine durchschnittliche Rotfärbung auf. Sie resultiert aus ihrem Bemühen, möglichst leise zu lachen. Damit ich nicht lospruste, sehe ich hochkonzentriert aus dem Fenster und versuche, mich auf die Commerzbankfiliale zu konzentrieren, die gerade draußen vorbeizieht.

„Herr Waltmann. Unser Abteilungsleiter!“

„Hab‘ ich nicht eingeladen!“

„Nee, das ist doch nicht der, der mich angebaggert hat. Der Waltmann ist doch verheiratet und hat Kinder!“

Neben ihr ertönt ein Grunzen. Deutlich hörbar. Meine Tochter – beim letzten verzeifelten Versuch, ein Auflachen mit aller Macht zu unterdrücken.

Die Frau unterbricht kurz ihr Telefonat und schaut irritiert meine Tochter an, die schnell ihren Kopf in die andere Richtung dreht. Dann sieht sie prüfend zu mir, doch ich wühle bereits angestrengt in meiner Tasche. Komplett irrelevant, was ich suche.

Sie atmet hörbar aus und lehnt sich wieder zurück.

„Jedenfalls brauche ich noch Schuhe. Aber nicht so superhoch und nicht so flach. So dazwischen. Und dann eierschalenfarben. Also nicht schneeweiß.“

Ich deute meiner Tochter an, dass wir nun leider aussteigen müssen. Sie schüttelt den Kopf, weil sie die Fahrt gerade super unterhaltsam findet. Daher packe ich meine Teenager-Tochter am Arm und ziehe sie schallend lachend hinter mit her, was bei der Telefon-Dame erneute Irritation hervorruft. Uns ist es egal. Wir sehen sie nie wieder.

Rückblickend hätten wir noch Fragen gehabt:Wie sieht das Kleid aus? Wann ist die Hochzeit und wer hat sie angebaggert, wenn es nicht Herr Waltmann war? Aber vermutlich ist Nachfragen unpassend.